Was geschehen ist

Die im vergangenen November gegründete AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland hat am Samstag in Schwerin ihre erste große Veranstaltung abgehalten. Zum „Tag der Deutschen Jugend“ war deutschlandweit über soziale Medien aufgerufen worden. Am frühen Nachmittag standen sich nach Polizeiangaben rund 420 Teilnehmer der Generation Deutschland und etwa 460 Gegendemonstranten in der Innenstadt gegenüber; die Polizei war mit 450 Einsatzkräften aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen im Einsatz.

Bereits vor Beginn kam es am Rande zu einer Auseinandersetzung, bei der der Hamburger Landesvorsitzende der Organisation, Michael Schumann, verletzt wurde. Nach Angaben eines Sprechers musste eine Wunde in seinem Gesicht im Krankenhaus geklebt werden; später nahm er wieder an der Demonstration teil. Die Polizei ermittelt gegen drei Tatverdächtige und korrigierte am späten Nachmittag frühere Meldungen, wonach es zwei Verletzte gegeben habe. Den geplanten Marsch durch die Innenstadt konnte die Organisation nicht wie vorgesehen durchführen: Gegendemonstranten blockierten die Route mit Sitzblockaden, der Streckenverlauf wurde geändert.

Wie die Zeitungen es sehen

Die beiden Berichte unterscheiden sich vor allem darin, wie viel vom Tag sie überhaupt zeigen.

Der Deutschlandfunk meldet knapp und konzentriert sich auf den Zwischenfall. Bemerkenswert ist, dass er als einziger die Deutung der Partei selbst dokumentiert: Die AfD Hamburg bezichtigte in einer Mitteilung die Antifa des Übergriffs, die Polizei habe nicht eingegriffen. Der Sender stellt dem die nüchterne Auskunft einer Polizeisprecherin gegenüber, der Zwischenfall habe sich vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung ereignet — die Vorwürfe bleiben so als Behauptung der Partei markiert, unbestätigt und unkommentiert nebeneinander.

Der NDR liefert die Reportage und rückt damit etwas anderes ins Zentrum: Was auf der Bühne gesagt wurde. Für Mecklenburg-Vorpommerns AfD-Landeschef Leif-Erik Holm, der als erster Redner auftrat und bereits als „zukünftiger Ministerpräsident“ angekündigt wurde, war die Kundgebung nach Darstellung des Senders vor allem Wahlkampfbühne vor der Landtagswahl. Holm zeichnete ein Bild eines Landes, in dem „die Wirtschaft den Bach runter geht“, sprach — auch mit Verweis auf den Anschlag am Berliner CSD — ausführlich über Islamismus und forderte, die „Heimat zu verteidigen“. Beim Vorsitzenden der Generation Deutschland, dem Brandenburger Landtagsabgeordneten Jean-Pascal Hohm, den der dortige Verfassungsschutz als Rechtsextremisten einstuft, notiert der NDR nationalistische Töne:

Lasst euch nichts einreden! Wir können verdammt stolz auf unsere Vorfahren sein.

NDR

Der NDR ordnet das Ereignis zudem als Einziger ein und holt dafür die Politikwissenschaftlerin Anna-Sophie Heinze hinzu, die die Organisation und ihre Vorgängerin länger beobachtet. Die AfD inszeniere sich über die Generation Deutschland als „einzige Partei, die sich um die Jugend kümmert“, und blende dabei aus, wie heterogen diese Jugend sei. Auch die Ortswahl erscheint dadurch in anderem Licht: In Schwerin dürfen junge Wähler schon ab 16 an die Urnen. Zur ideologischen Kontinuität sagt Heinze:

Aber inhaltlich sehen wir schon sehr viele Kontinuitäten

NDR

Gemeint ist der Vergleich mit der früheren Jungen Alternative: Strategisch versuche sich die Nachfolgeorganisation zu mäßigen, ideologisch vereine sie weiterhin rechtsradikale und rechtsextreme Positionen.

Wo sie auseinandergehen

Beide Häuser berichten dasselbe Zahlengerüst — 420 gegen 460, drei Tatverdächtige. Nur bewerten sie unterschiedlich, was daran die Nachricht ist. Beim Deutschlandfunk ist es der verletzte Funktionär, und damit ein Vorfall, den die Partei bereits in eine Erzählung über Antifa und untätige Polizei überführt hat. Beim NDR ist es der Wahlkampfauftakt einer Jugendorganisation, die in einem Land mit Wahlrecht ab 16 antritt — der Angriff bleibt ein Absatz von vielen. Auffällig ist, dass die Zahl der Gegendemonstranten die der Teilnehmer übertraf und der Marsch blockiert werden konnte: Für die erste bundesweit beworbene Großveranstaltung der Generation Deutschland ist das ein Befund, den beide Berichte enthalten, aber keiner ausdrücklich zieht.