Was geschehen ist

Genau eine Woche nach dem Anschlag am Rande des Berliner Christopher Street Day, bei dem nach Angaben der taz ein mutmaßlicher Islamist einen Menschen tötete und 31 weitere verletzte, sind am Samstag in mehreren deutschen Städten CSD-Demonstrationen gezogen — unter deutlich verschärften Sicherheitsvorkehrungen und mit erkennbar mehr Zulauf als erwartet.

In Hamburg lief der Umzug unter dem Leitspruch „Jetzt erst recht!“ vom Startpunkt an der Lübecker Straße über Steindamm und Mönckebergstraße bis zur Lombardsbrücke. Der Veranstalter Hamburg Pride meldete am Nachmittag auf Instagram 300.000 Teilnehmende — erwartet worden waren rund 250.000; angemeldet waren 150 Gruppen. Die Zahl der Einsatzkräfte wurde gegenüber der ursprünglichen Planung verdoppelt, dazu kamen Betonpoller und quer gestellte Lastwagen. In der ersten Reihe liefen unter anderem Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) und SPD-Bundesfraktionschef Matthias Miersch.

Kleiner, aber unter vergleichbarem Vorzeichen fielen die Umzüge in der Fläche aus: In Naumburg an der Saale versammelten sich rund 700 Menschen zum vierten CSD im Burgenlandkreis, in Moers am Niederrhein kamen nach Polizeiangaben rund 400 — geplant hatten die Veranstalter dort mit 150. Alle drei Demonstrationen blieben friedlich.

Wie die Zeitungen es sehen

Auffällig ist, wie unterschiedlich die Häuser den Tag rahmen: als Rekordmeldung, als Reportage über die Provinz, als politische Leerstelle.

n-tv erzählt den Tag von der Bühne her — Prominenz, Konfettikanone, Teilnehmerrekord. Der Sender rückt Olivia Jones ins Zentrum, die mit einer Schärpe „Jetzt erst recht“ in der ersten Reihe mitzog und sich parallel auf Instagram meldete:

Wir lassen uns nicht unterkriegen

n-tv

Sicherheit erscheint bei n-tv vor allem als gelöste Aufgabe. Hamburgs Polizeipräsident Falk Schnabel wird mit der Auskunft zitiert, man habe sämtliche Sicherheitskonzepte noch einmal intensiv geprüft, auch die Route; an der Parade selbst habe es aus Polizeisicht nie einen Zweifel gegeben — man wolle bei diesem CSD aber kein Risiko eingehen: „Alle können sich auf ein Höchstmaß an Sicherheit einstellen.“

Die Süddeutsche Zeitung nimmt denselben Hamburger Umzug, dreht ihn aber ins Politische. Schon im Anriss verschiebt sich der Fokus von der Feier zur Frage, wer fehlt (Paywall — nur Anriss):

Jetzt erst recht – dieser Satz ist oft zu hören auf dem CSD in Hamburg. So sieht das auch Stefan Mielchen, der sich seit Jahrzehnten für queere Menschen einsetzt. Nur: Wo ist eigentlich Friedrich Merz?

Süddeutsche Zeitung

Wo n-tv den Zuspruch zählt, macht die SZ aus der Abwesenheit des Kanzlers eine Frage an die Regierungsbank — dieselbe Menschenmenge, zwei sehr verschiedene Schlussfolgerungen.

Die taz verlässt die Großstadt ganz. Ihre Reportage aus Naumburg beschreibt einen CSD, für den Polizeischutz keine Reaktion auf Berlin ist, sondern längst Normalzustand. Mitorganisator Martin Helmrich-Knabe erklärt die von Jahr zu Jahr wachsende Polizeipräsenz so:

Und das nicht, weil wir irgendwem wehtun wollen. Genau im Gegenteil, weil man uns schützen muss.

taz

Im ersten Jahr, 2023, seien weniger Beamte da gewesen — „da gab es dann Rechte, die Jagd auf die Teilnehmenden gemacht haben“. Bemerkenswert ist die Verschiebung der Bedrohungsachse: Während der Berliner Anschlag bundesweit als islamistische Tat verhandelt wird, benennt die taz in Sachsen-Anhalt ein anderes Risiko. Teilnehmende berichten von Sorge weniger vor der Demo als vor der Anreise; eine Teilnehmerin aus Leipzig fürchtet, „ob man da am Bahnhof nochmal irgendwo von extremistischen Gruppen überrascht wird, vor allem aus dem rechten Spektrum“. Und die taz verknüpft den Tag mit einem Datum, das in den anderen Berichten gar nicht vorkommt: der Landtagswahl am 6. September, vor der die AfD in Umfragen seit Monaten über 40 Prozent liegt. Aus deren Wahlprogramm zitiert das Blatt die Definition der „normalen Familie“ und das angekündigte Verbot von Regenbogenfahnen an Schulen — der CSD erscheint hier nicht als Fest, sondern als Vorposten.

Der WDR wiederum misst den Erfolg in Moers am Ausbleiben von Ereignissen. Von Anspannung sei entlang der Strecke nichts zu spüren gewesen, schreibt der Sender; das Fazit überlässt er dem ehrenamtlichen Ordner Alessandro Borth, der am Abend Funkgerät und Warnweste ablegt:

Es war super friedlich.

WDR

Auch hier taucht die Formel des Tages auf, diesmal aus dem Mund eines Teilnehmers: „Ich bin von dem Mut der Leute sehr begeistert. Und das ist jetzt hoffentlich auch ein Zeichen in die Welt: Jetzt erst recht!“

Wo sie auseinandergehen

Über den Befund sind sich die Häuser einig: mehr Menschen als erwartet, mehr Polizei als geplant, keine Zwischenfälle. Die Deutung trennt sie. n-tv und WDR lesen den Tag als gelungene Selbstbehauptung, bei der Sicherheitsapparat und Zivilgesellschaft ineinandergriffen. Die SZ misst ihn an der politischen Repräsentanz und findet sie lückenhaft. Die taz hält als Einzige fest, dass Schutzbedarf für queere Veranstaltungen in Teilen Ostdeutschlands älter ist als der Berliner Anschlag — und dass er dort einer anderen Gefahr galt. Dass in Moers 400 statt 150 und in Hamburg 300.000 statt 250.000 Menschen kamen, ist die eine Nachricht des Samstags. Dass in Naumburg 700 Menschen hinter einer Fahrzeugsperre feiern mussten, ist die andere.