Was geschehen ist
An diesem Sonntag hat sich an der Frontlinie wenig verändert — und trotzdem eine ganze Menge. Die Ereignisse des Tages lassen sich als ein Krieg gegen die jeweils andere Versorgungskette lesen.
In der Nacht trafen ukrainische Drohnen in Nowosemeikino im Südwesten Russlands ein Warenlager des Versandhändlers Wildberries. Es wäre das elfte von 25 Lagern dieses Unternehmens, das in den vergangenen Wochen zerstört wurde, und mit 178.000 Quadratmetern Lagerfläche das drittgrößte. Ebenfalls in der Nacht wurde eine Ölraffinerie in der Region Saratow angegriffen, rund 600 Kilometer von der Front entfernt; die Anlage verarbeitet etwa sieben Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr und beliefert auch die russische Armee. Der ukrainische Generalstab meldete zudem einen Angriff auf den Luftwaffenstützpunkt Engels II, wo Langstreckenbomber stationiert sind.
Die Gegenrichtung: Bereits am Samstag schlug eine Geran-Drohne in ein Warenhaus des ukrainischen Versandhändlers Rozetka in der Region Kiew ein. Ein Arbeiter wurde getötet, sieben weitere verletzt, teils schwer.
Dazu die üblichen Angriffe auf Wohngebiete: In Saporischschja töteten zwei Gleitbomben mindestens zwei Menschen und verletzten elf; in Cherson starb eine Frau bei einem Drohnenangriff auf ein Auto. Über russische Angriffe in der Region Cherson berichtete am Vortag auch die Nachrichtenagentur dpa, deren Meldung der Deutschlandfunk übernahm.
Im Mittelmeer enterte eine von Italien geführte EU-Mission den unter Sanktionen stehenden Tanker „Toa Payoh" der russischen Schattenflotte — italienische Soldaten stiegen per Hubschrauber an Bord, nachdem der Kapitän nicht kooperiert hatte.
Und in der ukrainischen Hafenstadt Odessa eröffnete am Abend ein Mann in einem Rekrutierungszentrum das Feuer auf die Angestellten. Vier Männer wurden verletzt, einer schwer. Der Schütze floh, verschanzte sich in seiner Wohnung und wurde später festgenommen. Über sein Motiv ist nichts bekannt.
Wie die Häuser darauf schauen
Hier ist Vorsicht geboten: Die Berichterstattung zu diesem Kriegstag besteht in den vorliegenden Quellen fast ausschließlich aus laufenden Blogs — einem Newsblog von t-online und dem Liveblog der FAZ, der über den Tag mehrfach umgeschrieben wurde. Eine kommentierende Einordnung liegt aus keinem Haus vor. Was sich vergleichen lässt, ist die Auswahl.
Beide Häuser stellen am Abend dieselbe Meldung nach oben: die Schüsse in Odessa. Die FAZ setzt in ihre Liveblog-Zeile „Motiv und genauerer Tathergang bisher unklar" und nennt daneben den Moskauer Restaurant-Anschlag sowie die ukrainischen Angriffe auf „Flugplatz, Raffinerie und Logistikzentrum" (Liveblog — nur Anriss). Dass ein Angriff auf ein Rekrutierungszentrum die Spitze verdrängt, ist selbst eine Aussage: Der Druck auf die ukrainische Mobilisierung ist zur eigenständigen Nachricht geworden. t-online unterlegt das mit einem zweiten Fall — der Kiewer Rapper Zipulya sei einberufen worden, sein Umfeld halte die Einberufung für illegal.
Deutlich weiter geht t-online bei der Ökonomie des Krieges. Der Newsblog führt die Wildberries-Serie als Zählung mit (elftes von 25 Lagern, drittgrößtes bislang) und stellt den Rozetka-Treffer ausdrücklich als Vergeltung daneben: Nach den Angriffen auf den russischen Versandriesen „schlägt der Kreml offenbar zurück". Das ist die These des Tages, und sie ist eine Deutung — belegt wird sie mit der zeitlichen Abfolge, nicht mit einer Quelle aus Moskau.
Der Moskauer Anschlag: Zahlen aus schwierigen Quellen
Am heikelsten ist der Komplex um die Explosion vor dem Moskauer Luxusrestaurant „Balzi Rossi" vom Samstag. t-online meldet die Zahl der Toten mit inzwischen fünf, sechs weitere Verletzte schwebten in Lebensgefahr — berufen kann sich der Blog dabei auf die russischen Telegram-Kanäle „Baza" und „Mash", die unabhängig voneinander berichteten. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sprach von einem Terroranschlag:
Die Täter werden mit Sicherheit gefunden und die verdiente Strafe erhalten.
— Sergej Sobjanin, zitiert im Newsblog von t-online
Zum mutmaßlichen Ziel referiert t-online, was russische Militärblogger schreiben: Ein General habe dort seinen 55. Geburtstag und seine Beförderung gefeiert, es kursiere der Name Alexander Tschajko, seit Mai Chef der russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte. Tschajko wurde im März laut einer Mitteilung des Europäischen Rats wegen seiner Rolle beim Massaker in Butscha mit Sanktionen belegt. Drei der fünf Toten seien demnach eine Frau, die verdächtigt wird, den Sprengsatz mitgebracht zu haben, ein Sicherheitsmitarbeiter, der sie nicht eingelassen habe, und ein Gast.
Man muss die Kette dieser Zuschreibung ernst nehmen: Militärblogger nennen einen Namen, Telegram-Kanäle nennen Opferzahlen, die Behörden halten sich bedeckt. Die FAZ referiert im Liveblog denselben Vorgang zurückhaltender und bleibt bei der Formulierung, der Moskauer Bürgermeister spreche von einem „Terrorakt". Die Opferzahlen zu diesem Anschlag differieren zwischen den Häusern seit Samstag; keine der Angaben ist unabhängig überprüfbar.
Wo die Berichterstattung auseinandergeht
Sie geht kaum auseinander — und das ist der Befund. Zwei Blogs, in weiten Teilen dieselben Meldungen, dieselbe Reihenfolge, keine Kommentierung, keine Reportage. Der einzige erkennbare Unterschied liegt im Risikoappetit: t-online übernimmt Zuschreibungen aus russischen Telegram-Quellen und formuliert mit „schlägt der Kreml offenbar zurück" eine eigene Kausalthese; die FAZ hält sich in ihren Anrissen an das Unklare.
Für die Leserin heißt das: Die Fakten dieses Kriegstages sind belastbar, wo sie von Militärverwaltungen und Regierungsstellen stammen — Saporischschja, Cherson, Odessa, der geenterte Tanker. Sie sind es nicht, wo sie aus Moskau kommen. Eine deutsche Presseschau im eigentlichen Sinn lässt sich zu diesem Thema heute nicht schreiben; dafür fehlen unabhängige Stimmen jenseits der laufenden Ticker.