Was geschehen ist
Die Bundesregierung prüft den Aufbau einer eigenen Startbasis für Trägerraketen der Bundeswehr. Das teilte Verteidigungsminister Boris Pistorius bei einem Besuch des Raketenherstellers Isar Aerospace bei München mit. Die Begründung ist operativ: Ohne eigene Satelliten im All gebe es keine gesicherte Kommunikation für die Streitkräfte, und die Kapazitäten der bislang genutzten Startplätze in Norwegen und Großbritannien würden künftig nicht mehr ausreichen.
Einen möglichen Standort nannte der SPD-Politiker nicht; man stehe am Anfang der Überlegungen. Erschwerend kommt hinzu, dass Deutschland in der Raumfahrtbranche wegen seiner dichten Besiedlung als grundsätzlich ungeeignet für Raketenstarts gilt. Die meisten europäischen Satelliten werden seit Jahren vom US-Unternehmen SpaceX in die Erdumlaufbahn gebracht.
Ebenfalls am Donnerstag wurde eine zweite rüstungspolitische Äußerung des Ministers bekannt: Pistorius wies die Annahme zurück, Deutschland sei bei Drohnen technologisch rückständig, und hält das Land im europäischen Vergleich für führend.
Wie die Presse darauf blickt
Beide Meldungen sind an diesem Abend knapp gehalten, und beide Häuser referieren den Minister eher, als dass sie ihn einordnen – was hier aber bereits eine Entscheidung ist, denn die Auswahl unterscheidet sich deutlich.
Der Deutschlandfunk meldet die Startbasis und fügt der Ankündigung zwei Einwände hinzu, die Pistorius selbst nicht gemacht hat. Der erste ist geografisch: In der Raumfahrtbranche gelte Deutschland wegen seiner dichten Besiedlung „als grundsätzlich nicht geeignet". Der zweite ist ein Faktum, das die strategische Lücke erst sichtbar macht – die meisten europäischen Satelliten werden von SpaceX gestartet. Damit steht das Vorhaben in der Meldung von vornherein in einem Spannungsfeld: Der Minister nennt einen militärischen Bedarf, die Redaktion nennt die Gründe, warum er bislang nicht gedeckt ist. Dass Pistorius keinen Standort nennen konnte und man „am Anfang der Überlegungen" stehe, wird nüchtern, aber sichtbar platziert.
Zeit Online greift eine andere Äußerung desselben Ministers auf und rückt die Drohnenfrage in den Mittelpunkt (Paywall — nur Anriss):
Der Bundesverteidigungsminister weist die Annahme, Deutschland sei bei Drohnen rückständig, zurück. Der Ukrainekrieg zeige die Relevanz des Ausbaus der Technologie.
— Zeit Online (Paywall — nur Anriss)
Schon die Formulierung „weist die Annahme … zurück" verrät, dass hier eine verbreitete Kritik im Raum steht, gegen die sich der Minister verteidigt. Während der Deutschlandfunk Pistorius bei einem Vorhaben zeigt, das noch nichts ist, zeigt ihn Zeit Online bei der Abwehr eines Vorwurfs. Der gemeinsame Nenner beider Auftritte ist die Ukraine: Dort wird vorgeführt, was Satellitenkommunikation und Drohnentechnik im Krieg wert sind – und beide Male dient dieser Verweis zur Begründung deutscher Rüstungsanstrengungen.
Bemerkenswert ist die Kulisse in beiden Fällen. Der Minister äußert sich nicht im Bundestag und nicht im Ministerium, sondern bei Herstellern; die Zeit-Adresse verweist auf den Rüstungselektronik-Konzern Hensoldt, der Deutschlandfunk berichtet aus dem Werk von Isar Aerospace. Rüstungspolitik wird an diesem Tag dort verhandelt, wo produziert wird.
Was offenbleibt
Die Berichterstattung ist dünn, und die interessanten Fragen bleiben in beiden Häusern unbeantwortet. Weder wird beziffert, was eine deutsche Startbasis kosten würde, noch wird geklärt, wie sie sich zu den bestehenden europäischen Startmöglichkeiten verhält. Auch die naheliegende Frage, warum eine nationale Lösung einer europäischen vorgezogen werden sollte, stellt keine der beiden Redaktionen.
Ebenso wenig wird Pistorius' Drohnen-Selbsteinschätzung mit Zahlen konfrontiert. Dass Deutschland in Europa „führend" sei, ist eine Behauptung, die sich prüfen ließe – an diesem Abend prüft sie niemand. Das Thema dürfte erst dann Kontur gewinnen, wenn ein Standort oder ein Etat im Raum steht.