Was geschehen ist
Die Hitzewelle hat am Sonntag an mehreren Stellen Europas gleichzeitig sichtbare Folgen gehabt — und zwar dort, wo Wasser fehlt.
In Nordrhein-Westfalen ist der Rhein-Pegel an weiteren Stellen auf ein Rekordtief gefallen. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt meldete für den Pegel Duisburg-Ruhrort einen Stand von 150 Zentimetern; in Düsseldorf und Köln waren zuvor bereits historische Tiefstände gemessen worden. NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) verlangte, das Thema Niedrigwasser auf die Tagesordnung der nächsten Verkehrsministerkonferenz zu setzen, und schlug eine nationale Taskforce für die Binnenschifffahrt vor.
Deutlich dramatischer ist die Lage in Ungarn. Weil der Donaupegel bei Paks auf minus 133 Zentimeter gesunken ist und damit das Kühlwasser fehlt, wird das dortige Kernkraftwerk voraussichtlich erstmals seit 44 Jahren vollständig abgeschaltet. Paks trägt mit vier Reaktorblöcken fast die Hälfte zur ungarischen Stromversorgung bei. Premierminister Peter Magyar sprach von einer „beispiellosen Energiekrise":
Da der Wasserstand der Donau bei Paks derzeit bei minus 133 Zentimetern liegt und bei minus 134 Zentimetern auch der zweite Reaktorblock des noch in Betrieb befindlichen Kraftwerks abgeschaltet werden muss, wird voraussichtlich – zum ersten Mal seit 44 Jahren – die vollständige Abschaltung des Kernkraftwerks Paks erfolgen.
— Peter Magyar, zitiert bei tagesschau
Ab Montag wird in Ungarn der Schienengüterverkehr zwischen 17 und 22 Uhr eingestellt, Einkaufszentren sollen ihre Klimaanlagen drosseln, Kommunen und Kirchen ihre dekorative Beleuchtung abschalten. „Vor uns liegen die entscheidenden fünf Tage", sagte Magyar in einem Video und bat die Bevölkerung, besonders auf Kinder, Ältere, Kranke und Alleinstehende zu achten.
Parallel meldete das Robert-Koch-Institut für Deutschland 9.800 Hitzetote seit Jahresbeginn, knapp die Hälfte davon zurückzuführen auf die extreme Hitze Ende Juni.
Wie die Häuser darauf schauen
Die drei Berichte, die an diesem Abend vorliegen, erzählen dieselbe Ursache in drei sehr verschiedenen Tonlagen — und das ist der interessanteste Befund.
Der Deutschlandfunk meldet den Rhein knapp und rein nachrichtlich: Pegelstand, Vorgeschichte, Forderung des Ministers. Kein Wort zu Klima, kein Wort zu Folgen für die Wirtschaft. Das ist die Chronistenhaltung — und sie unterschlägt nichts, aber sie ordnet auch nichts ein. Bemerkenswert ist, was der Bericht referiert, ohne es zu kommentieren: Krischers Antwort auf ein Wasserproblem heißt Taskforce und Ausbau, also Infrastruktur.
Die tagesschau liefert an diesem Abend gleich zwei Auslandsstücke und geht damit weiter als alle anderen. Aus Wien berichtet Clemens Verenkotte über Ungarn und lässt vor allem den Regierungschef sprechen — die Notlage wird als Krisenmanagement erzählt, an dem die Bevölkerung mitwirkt. Die Pointe des Textes steckt in einem Nebensatz Magyars: Es trete ein, „was sich viele nicht einmal vorstellen konnten und was auch die Betreiber und Planer des Kraftwerks noch in den vergangenen Jahren für ausgeschlossen gehalten hatten". Ein Klimaargument wird daraus nicht gemacht; es liegt einfach da.
Das zweite tagesschau-Stück, eine Reportage aus Prag, macht genau daraus sein Thema. Sie führt vor, wie eine Stadt sich anpasst — mehr als hundert neu gepflanzte Bäume auf einem umgestalteten Platz, ein Regenwassersystem, eine interaktive Karte mit Trinkbrunnen und Sprühnebelsäulen — und wie diese Anpassung dem Tempo der Erwärmung hinterherläuft. Der Meteorologe Michal Žák von der Karls-Universität sagt zum umgebauten Platz in Vinohrady:
Es wird noch etwa zehn bis 15 Jahre dauern, bis die Bäume ihre Wirkung entfalten. Aber diese heißen Sommer haben wir bereits jetzt und nicht erst im Jahr 2040.
— Michal Žák, zitiert in der Reportage der tagesschau
Härter ist der politische Teil: In der Regierung von Andrej Babiš sitzen mit der Motoristenpartei und der SPD zwei klimaskeptische Kräfte. Außenminister Petr Macinka erklärte kurz nach Amtsantritt im Dezember „Die Klimakrise ist beendet" und ließ mehrere Arbeitsgruppen zur Klimapolitik auflösen. Der Text stellt daneben, dass ausgerechnet der Umweltminister derselben Partei, Igor Červený, inzwischen nüchterner klingt — das Klima verändere sich und man müsse damit beginnen, die Sache so anzugehen. Einen koordinierten Hitzeaktionsplan mit Warnstufen gibt es in Tschechien gleichwohl nicht.
Der deutsche Strang: ein Aktionsplan für nächstes Jahr
Genau diese Lücke ist das Thema des ZDF, das im heute journal Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth (SPD) interviewt hat. Das Interview ist die politisch heikelste Quelle des Tages, weil der Staatssekretär den Befund einräumt und die Konsequenz zugleich vertagt:
Ich glaube, die Lektion, die wir aus diesem Sommer gelernt haben, ist: Nächsten Sommer brauchen wir auch einen nationalen Aktionsplan, der dann alles aus den Ländern zusammenbündelt.
— Jochen Flasbarth im Interview mit ZDFheute
Bei fast 9.800 Hitzetoten seit Januar ist die Zusage für 2027 eine Aussage über Prioritäten — und Flasbarth benennt das selbst, wenn er die öffentliche Reaktion mit einer anderen Katastrophenart vergleicht: „Wenn das ein Hochwasser gewesen wäre, dann wäre die Situation ganz sicher eine andere." Zugleich verteilt er Verantwortung nach unten und zur Seite: Hitzeschutz in Kliniken sei „in erster Linie Aufgabe der Krankenhausträger", gefragt seien Städte, Kommunen und auch Nachbarn. Sein schärfster Satz zielt auf die kommunale Planung:
Man muss doch dann auch vor Ort mal fragen: Ist es eigentlich vernünftig, hier in der Mitte in Berlin einen Gendarmenmarkt für viel Geld zu sanieren und dabei keinen einzigen Baum zu pflanzen?
— Jochen Flasbarth im Interview mit ZDFheute
Ungewöhnlich offen ist der Angriff auf eine andere Bundesbehörde: Ein Klimaanpassungsprogramm des Umweltministeriums für soziale Einrichtungen sei vom Bundesrechnungshof „massivst kritisiert" worden; man wolle nun eine Grundgesetzänderung auf den Weg bringen, „damit diese völlig überzogene Kritik des Bundesrechnungshofes eben ins Leere läuft". Das ZDF referiert das, ohne den Rechnungshof zu Wort kommen zu lassen — hier fehlt die Gegenseite.
Wo die Berichterstattung auseinandergeht
Drei Länder, drei Umgangsformen, und die deutschen Häuser bilden sie unterschiedlich scharf ab. Ungarn erlebt den Ernstfall und reagiert mit Notmaßnahmen; Tschechien hat eine Regierung, in der die Klimakrise offiziell für beendet erklärt wurde, während die Stadt Prag Bäume pflanzt; Deutschland hat Pläne auf Landesebene, aber keinen Bundesplan.
Auffällig ist, was in der deutschen Berichterstattung getrennt bleibt, was zusammengehört: Der Rhein-Bericht des Deutschlandfunks und die Hitzetoten-Debatte des ZDF laufen als zwei Meldungen nebeneinander her, obwohl Niedrigwasser, Kraftwerkskühlung und Hitzetote dieselbe Ursache haben — was das Ungarn-Stück der tagesschau in einer einzigen Kausalkette vorführt. Wo die Auslandsberichterstattung den Zusammenhang erzählt, bleibt die Inlandsberichterstattung bei Zuständigkeiten: Verkehrsministerkonferenz hier, Krankenhausträger dort.