Es war eine Trauerfeier, die den Terminkalender machte. Der verstorbene US-Senator Lindsey Graham galt als einer der wichtigsten Unterstützer sowohl Israels als auch der Ukraine im Kongress — und so reisten am Dienstag beide an: Wolodymyr Selenskyj und Benjamin Netanjahu. Donald Trump empfing sie nacheinander im Weißen Haus, jeweils hinter verschlossenen Türen.
Was geschah
Das Gespräch mit Selenskyj dauerte nach Angaben US-amerikanischer Medien gut eine Stunde, das mit Netanjahu rund anderthalb. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt fasste beide anschließend auf X in einem Satz zusammen: „Beide Treffen verliefen positiv und produktiv!"
Selenskyj teilte später mit, es sei um die Stärkung der ukrainischen Flugabwehr gegangen — konkret um Lizenzen zur Herstellung von Patriot-Abfangraketen — sowie um eine Wiederbelebung der Diplomatie für ein Kriegsende. Netanjahu sprach in einer Videobotschaft von „einem der besten Gespräche", die er je mit einem US-Präsidenten geführt habe. Es war die achte Begegnung der beiden seit Trumps erneutem Amtsantritt im Januar 2025 und die erste seit Beginn des Iran-Kriegs vor sechs Monaten.
Parallel wurde in Washington bekannt, dass sich Senatoren beider Parteien auf das lange verhandelte Russland-Sanktionspaket geeinigt haben, das Graham vorangetrieben hatte und das nun seinen Namen tragen soll.
Die Presseschau: Ein Besuch, zwei Temperaturen
Die interessanteste Beobachtung des Tages macht die Tagesschau, und sie steht schon in ihrer Überschrift: „Respekt für den einen – genervt von dem anderen?" Das Haus nimmt die Gleichbehandlung durch das Weiße Haus — zwei Treffen, ein Prädikat — und weigert sich, sie zu übernehmen. Beim Ukrainer, schreibt die Redaktion, klinge „positiv und produktiv" plausibel; Trump bringe Selenskyj mittlerweile deutlich mehr Respekt entgegen.
Beim Israeli hat sie Belege für das Gegenteil. Der ARD-Bericht, der auf Informationen des Washingtoner Studiokorrespondenten Carsten Kühntopp stützt, zitiert Trump aus einem Fox-News-Gespräch kurz vor dem Treffen — auf Berichte angesprochen, Netanjahu wolle mit ihm über eine mutmaßliche iranische Atomanlage sprechen:
Nun, ich brauche Bibi nicht, um mir das zu sagen. Bibi erzählt mir das, weil er möchte, dass ich weiterhin involviert bleibe.
Das ist der Satz, an dem sich die Berichterstattung dieses Tages entscheidet. Er verwandelt Netanjahus „eines der besten Gespräche" rückwirkend in eine Behauptung, die es zu prüfen gilt. Die Tagesschau benennt den zugrunde liegenden Konflikt offen: Israel wolle den Krieg gegen Iran fortsetzen, Trump dränge auf eine diplomatische Lösung — und er habe gegenüber Fox erkennen lassen, dass er eine Vereinbarung mit Teheran schwereren Angriffen vorziehe. Sogar den verstorbenen Graham reklamiert Trump laut ARD für diese Position.
t-online kommt im Newsblog zu einer verwandten Deutung, aber auf einem ganz anderen Weg — nicht über ein Trump-Zitat, sondern über eine wissenschaftliche Einordnung. Jonatan Freeman von der Hebräischen Universität Jerusalem sagt dem Portal, Hauptziel des Besuchs sei es, Berichten über eine Abkühlung entgegenzuwirken; das Wichtigste sei, „der Welt, dem Iran und auch dem Libanon sowie anderen" zu zeigen, dass es „mehr Übereinstimmungen als Differenzen" zwischen Trump und Netanjahu gebe.
Die beiden Häuser sagen damit im Kern dasselbe, mit umgekehrtem Vorzeichen: Für die Tagesschau ist die Harmonie brüchig, weil Trump sie selbst unterläuft; für t-online ist die demonstrative Harmonie überhaupt erst der Zweck der Reise. Wer beide liest, versteht das Treffen als Inszenierung, deren Regie Trump nicht ganz mitspielte.
t-online liefert außerdem den Kalender, der die Sache erklärt: In Israel wird am 27. Oktober gewählt, in den USA finden am 3. November die Kongress-Zwischenwahlen statt. Die Tagesschau formuliert denselben Befund schärfer und aus israelischer Perspektive — vor der Wahl im Oktober sei es für Netanjahu entscheidend, Einigkeit mit Trump zu zeigen.
Was nur ein Haus hat
Zwei Dinge finden sich jeweils nur an einer Stelle.
Die Tagesschau ist das einzige Haus, das den Ukraine-Strang über das Treffen hinaus verfolgt — und dort liegt womöglich die folgenreichere Nachricht des Tages. Das Graham-Sanktionsgesetz ziele auf Erdgas- und Ölexporte und ermächtige den Präsidenten, die fünf größten Käufer russischer Energieträger zu sanktionieren sowie die fünf Länder, die Russland am stärksten beim Umgehen von Energiesanktionen helfen. Die ARD zieht daraus die Konsequenz, die in der Jubelmeldung sonst untergeht: Das könnte die Handelsbeziehungen zu China und Indien weiter strapazieren. Und sie dämpft zugleich die Erwartung — das Repräsentantenhaus ist bereits in den Ferien, vor September dürfte das Gesetz nicht in Kraft treten.
t-online wiederum berichtet als einziges Haus, dass die iranischen Revolutionsgarden ein Drohvideo gegen Melania und Barron Trump veröffentlicht haben — ein Detail, das den Ton des Konflikts kennzeichnet, in der sonstigen Diplomatie-Berichterstattung des Tages aber nicht vorkommt.
Bild fasst den Doppeltermin unter dem Wort „Trump-Audienz im Schatten von zwei Kriegen" (Paywall — nur Anriss). Der Begriff ist die Wertung: Nicht zwei Regierungschefs besuchen einen Verbündeten, sondern zwei Bittsteller werden vorgelassen. Der Deutschlandfunk bleibt demgegenüber dicht an der amtlichen Sprachregelung und meldet das Treffen mit dem Prädikat des Weißen Hauses — „positiv und produktiv" — im Titel.
Anmerkung der Redaktion: Der Bild-Text lag ausschließlich als Anriss vor. Der Deutschlandfunk-Beitrag wurde für diese Presseschau nur über Titel und Anriss ausgewertet und nicht als eigenständige Stimme gegen die anderen Häuser gestellt.