Es war eine Abendansprache mit zwei Adressaten. Als Wolodymyr Selenskyj am Samstag mitteilte, was die ukrainischen Dienste über Russlands Planungen für den Herbst wissen, sprach er nicht nur zu seinem Land – sondern ausdrücklich auch zu Asien.

Was geschehen ist

Selenskyj erwartet, dass Russland weitere 30.000 nordkoreanische Soldaten einsetzen wird; untergebracht werden sollen sie nach seinen Angaben in der Region Woronesch. Zudem wolle Pjöngjang erneut Abschussrampen für ballistische Raketen liefern. Der Präsident berief sich auf Geheimdiensterkenntnisse, aus denen er zugleich ableitet, dass Putin weiterhin keine Friedensabsichten hege. Nordkorea hatte sich bereits im Vorjahr mit bis zu 15.000 Soldaten beteiligt, vor allem bei der Rückeroberung ukrainisch kontrollierter Gebiete bei Kursk; dabei kamen nach offiziell unbestätigten Schätzungen mindestens 2.000 Nordkoreaner ums Leben. Moskau und Pjöngjang verbindet ein Vertrag über strategische Partnerschaft.

Der Krieg selbst lief an diesem Tag in beide Richtungen weiter. Russland griff die Ukraine am frühen Samstagmorgen mit 157 Drohnen und zwei Raketen an; getroffen wurden nach ukrainischen Angaben unter anderem vier Tankstellen und eine Feuerwache in der Region Poltawa sowie ein Postamt im nördlichen Sumy, wo zwei Männer getötet wurden. Die Ukraine wiederum meldete Drohnenangriffe auf die Lukoil-Ölplattform Filanowski im Kaspischen Meer und auf zwei Frachtschiffe, bei denen der Sicherheitsdienst Militärtransporte zwischen Russland und dem Iran vermutet; in Jekaterinburg räumte der Versandhändler Wildberries ein Logistikzentrum.

Wie die Presse das sieht

Der Deutschlandfunk meldet den Vorgang knapp und nüchtern – und hängt einen Satz an, den sonst niemand an diesem Tag betont: Selenskyj werfe dem Kreml zusätzlich vor, den Iran bei seinen Angriffen in der Golfregion mit Satellitenaufklärung zu unterstützen. Damit verbindet die Meldung zwei Kriege, die in der Berichterstattung meist getrennt laufen, und ordnet Moskau in beiden dieselbe Rolle zu: die des Zulieferers.

t-online führt einen laufenden Newsblog und hat entsprechend mehr Platz – nutzt ihn aber vor allem für den Teil von Selenskyjs Ansprache, den die Kurzmeldung weglässt: die Adressierung an Dritte.

Russland hilft Nordkorea dabei, den Krieg zu erlernen, verbessert dessen Waffen und verschafft dem Land Erfahrungen im realen Einsatz von Waffen. All dies stellt eine Bedrohung für jeden in Asien dar, der sich in Reichweite nordkoreanischer Raketen befindet.

— Wolodymyr Selenskyj, zitiert nach t-online

Das ist kein Nebensatz, sondern das Argument: Kiew verkauft die eigene Verteidigung als asiatisches Sicherheitsinteresse. Ob die Zahl 30.000 belastbar ist, lässt sich aus keiner der Quellen prüfen – sie stammt aus ukrainischen Geheimdienstangaben, und alle drei Häuser kennzeichnen das als solche, ohne es zu bewerten.

Der eigenständigste Beitrag des Newsblogs ist jedoch ein anderer, und er fällt aus dem Muster der Kriegsberichterstattung heraus: In der Ukraine wurde der Hauptorganisator jener Rüstungsveranstaltung westlich von Kiew festgenommen, bei deren Beschuss am Freitag zehn Menschen starben und rund hundert verletzt wurden. Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko benennt Russland als Urheber des Angriffs, lässt aber zugleich prüfen, was das Ausmaß vergrößert haben könnte: Über 300 Menschen seien ins Freie eingeladen worden, der nächstgelegene Schutzraum sei etwa 100 Meter entfernt und nur 34 Quadratmeter groß gewesen, die Einladungen seien neun Tage vorher verschickt worden. Dass eine Ermittlung wegen Fahrlässigkeit im Amt gegen die eigene Seite läuft, während der Krieg weitergeht, ist der bemerkenswerteste Einzelvorgang dieses Tages – und t-online ist das einzige Haus im Bestand, das ihn ausführt.

Ebenfalls nur dort dokumentiert: Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew forderte Putin bei einem Gipfel im sibirischen Omsk in dessen Beisein zu einem Stopp der Kämpfe auf.

Wie kommt man aus dieser Situation heraus? Niemand weiß es, weil es die Positionen beider Seiten gibt. Aber es gibt andererseits auch einen Moment und die Möglichkeit, das alles einzufrieren.

— Kassym-Schomart Tokajew, zitiert nach t-online

Es sei „eine Schande, junge Menschen sterben", fügte Tokajew hinzu. Der Blog ordnet die Szene knapp ein: Kasachstan ist ein Verbündeter Russlands, hat aber nie Unterstützung für die Offensive signalisiert. Eine Bewertung, was dieser öffentliche Vorstoß eines Partners wert ist, unternimmt keines der Häuser.

ZDFheute hatte den Tag zuvor in der symmetrischsten Form beschrieben, die für diesen Krieg gebräuchlich ist: Russland und die Ukraine hätten sich „erneut gegenseitig angegriffen", beide Seiten berichteten von Toten und Verletzten. Die Formulierung hat ihre Berechtigung – Drohnen fliegen in beide Richtungen –, und sie ist zugleich das Gegenmodell zu den Texten dieses Samstags: Wo das ZDF die Bilanz zieht, führen Deutschlandfunk und t-online die Akteure vor, die den Krieg verlängern, und die Zahlen, die dafür stehen.

Was in allen drei Häusern fehlt, ist eine Reaktion – aus Moskau, aus Pjöngjang, aus westlichen Hauptstädten. Selenskyjs Ankündigung steht an diesem Abend unwidersprochen im Raum.